Work-Life-Balance

Stress im Pflegeberuf

Rahel Lang

Abstract [Bearbeiten]

Der Pflegenotstand ist immer wieder ein Thema in den Medien. Aber warum haben wir solch einen Pflegenotstand? Man geht davon aus, dass der Beruf nicht sehr attraktiv ist und dass der Stress im Alltag einer Pflegenden die Oberhand hat. Anhand von ausgesuchten Studien wurde der Frage nachgegangen ob sich nun vermehrt Stress in den Pflegeberufen zeigt. Ebenso wurden die Faktoren die zu einer erhöhten Arbeitsbelastung führen in einer extern durchgeführten Studie aufgezeigt. Anhand eines Beispiels aus dem Pflegealltag konnten diese bestätig und aufgezeigt werden. Die erhöhte Arbeitsbelastung wurde in den Pflegeberufen nachgewiesen, welche aufgrund von Zeitdruck, Schichtarbeit, Emotionsarbeit sowie organisatorischen Probleme entstehen. Um bessere Zeiten in der Zukunft anzustreben, gibt es einige Lösungsvorschläge die zu einer Arbeitsentlastung führen können. Eine Back-Office Person einstellen, das Lernen von Delegieren sowie das Fördern von einer besseren interdisziplinären Zusammenarbeit wären Möglichkeiten um die Stressproduktion etwas zu senken. Es ist auch festzuhalten, dass ein Stressfaktor wie die Emotionsarbeit nicht verschwinden wird. Der Betrieb eines Gesundheitswesens sollte möglichst viele Anlaufstellen anbieten und Umstrukturierungen vornehmen, damit auch die Pflegenden wieder über eine längere Zeit ihren Beruf ausüben wollen.  

Einleitung [Bearbeiten]

Stress im Pflegeberuf wird je länger je mehr ein Thema in der Gesellschaft. Es gibt immer mehr Patientinnen und Patienten, aber die Zahl der Pflegekräfte nimmt stetig ab. Immer mehr wechseln die Branche oder haben sogar einen Berufswechsel im Sinn. Dadurch wird der Pflegenotstand immer schlimmer und der Arbeitsaufwand immer grösser. Im Laufe der Zeit wurden mehr chronische Krankheiten behandelbar, was folglich zu mehreren Wochen Spitalaufenthalt und vermehrter Pflege zu Hause führt. Man nimmt an, dass dies enorme Auswirkung auf das Pflegepersonal hat, was sich im Stress wiederspiegelt. Die nächsten Seiten beschäftigen sich mit folgenden Fragen: 

  • Zeigt sich vermehrt Stress in den Pflegeberufen?
  • Welche Faktoren führen zu einer erhöhten Arbeitsbelastung in den Pflegeberufen?
  • Was könnte zu einer Arbeitsentlastung führen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wurden Studien zusammengetragen, um eine  Analyse machen zu können. 

Hauptteil [Bearbeiten]

Gegenstand und Definition von Stress

Stress ist eine kurzfristige beeinträchtigte Folge von psychischer Beanspruchung. Er zeigt sich vor allem als Ermüdungserscheinung und dem Gefühl „im Stress zu sein“. Wird es zu einer längerfristigen Beeinträchtigung spricht man von psychosomatischen Störungen, wie beispielsweise dem Burnout. 

Psychische Ermüdung zeigt sich in der Beeinträchtigung der psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit. Sie ist abhängig von der Intensität, Dauer und Verlauf der vorhergehenden Beanspruchung. Nach einiger Zeit wird sie oft als „Stress“ bezeichnet.

Stress wird als ein unangenehmer Zustand empfunden, der von Betroffenen auch als kritisch, bedrohlich und unausweichlich erlebt wird. Er zeigt sich insbesondere dann, wenn die Person ihre Aufgaben nicht mehr bewältigen kann. Die Auswirkungen davon können körperlich als auch psychisch sein. Psychisch zeigt er sich mit dem Gefühl von Anspannung, Frustration und Ärger. Auf der körperlichen Ebene steigt die Herzfrequenz und es geht eine erhöhte Adrenalinausschüttung einher. (Wippert & Beckmann, 2009, S.68)

Entstehung und Geschichte von Stress

Vor dem 14. Jahrhundert wurde der Begriff Stress in Verbindung gebracht mit Wissenschaft und Systematik. Diese Annahme bestand bis Anfang des 14. Jahrhunderts, als der Begriff neu definiert wurde und als Synonym für Not respektive Schwierigkeit verwendet wurde. Im späten 17. Jahrhundert brachte Robert Hooke „Stress“ in den Kontext von physischer Wissenschaft, welcher aber bis zum frühen 19. Jahrhundert nicht durch die Allgemeinheit in Verbindung gebracht wurde. Einige Zeit später entstand das Konzept von Stress und Belastung, welches auf der Grundlage von Erkrankungen konzipiert wurde. 

Einige Jahre später fand Walter Cannon heraus, dass Stress eine Störung der Homöostase ist und der Grad der Belastung gemessen werden kann. 

1936 verwendete Hans Selye den Begriff Stress das erste Mal in einem speziellen technischen Sinn. Er entwickelte dabei das Adaptionssyndrom und setzte damit die Grundlage der Lehre von Stress.

Auch Hinkle (1977) spielte eine große Rolle in der Entwicklung vom Stresskonzept in der Medizin, ergänzend zu Harold G. Wolff. Er schrieb in den 1940- und 1950er über Stress im Leben und Krankheit, wie Hans Selye. Er betrachtete Stress als ein Zustand des Körpers, er hat es aber nie systematisch definiert, wie Selye es getan hat. Der Nachdruck mit dem „dynamischen Zustand“ ist wichtig.

Erstens bezieht sich der Begriff Stress auf die physische Wissenschaft, auf den aktiven oder passiven Körper. Zweitens steht Stress als biologischer Prozess im Gegenüber zum psychologischen Prozess der hilft Stress zu überwinden, das sogenannte Coping. Drittens weisst uns das Konzept eines dynamischen Zustands wichtige Aspekte vom Stressprozess auf, die sonst übersehen werden könnten wie beispielsweise die Ressourcen die vorhanden sind gegen Stress und Not, sowie das Wachstum der Kompetenz gegen die Widrigkeit.

Schlussendlich, wenn eine Sicht von Stress ein dynamischer Zustand ist, gilt die Aufmerksamkeit der Beziehung zwischen Umwelt und Organismus. (Lazarus & Folkman, 1984, S.2-4)

Theorien bzw. theoretische Erklärungen von Stress im Pflegeberuf

Die Studie des Staatssekretariat für Wirtschaft „Stress bei Schweizer Erwerbstätigen“ hat es deutlich gemacht: 33% aus dem Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialwesen haben angegeben, bei der Arbeit das Gefühl zu haben verbraucht zu sein. Im Vergleich zu anderen Branchen (25%) hebt die Soziale Branche deutlich ab. (Leuenberger, 2012, S.8)

In der Langzeitpflege wurde eine Studie durchgeführt bezüglich der körperlichen und emotionalen Beanspruchung. Bei einem Beschäftigungsgrad von 60% zeigt bereits ein Viertel davon kritische Ausprägung in der Beanspruchung auf emotionaler und körperlicher Ebene. (Leuenberger, 2012, S. 10)

Im Nachbarland Deutschland wurde durch das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung im Jahr 2002 eine repräsentative Umfrage gemacht. Die Studie führt zur Einschätzung, dass die Arbeitsbelastung in allen Bereichen der Pflege in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Die Krankheitsausfälle, verschlechterte Arbeitssituation sowie die geleisteten Überstunden können als Indikatoren herangezogen werden. (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin [BAUA], 2005)

Durch die immer schwierigeren Arbeitsbedingungen ist der Gedanke an einen Berufsausstieg nicht weit weg. Bei einer internationalen Studie haben zwischen 18.5% und 36% der Pflegenden häufig daran gedacht aus dem Beruf auszustiegen. (Pfeiffer, 2012,S. 26)

Anhand der Studien ist erkennbar dass die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden im Pflegeberuf. Welche Faktoren dazu führen ist nachfolgend aufgezeigt:

Zeitdruck:

Je grösser das Arbeitsvolumen ist sowie die Fremdbestimmung des Arbeitstempos, desto grösser ist die Gefahr einer qualitativen Leistungsverschlechterung (Leibhold, 2011, S. 12).

Durch den Pflegenotstand wird das Arbeitsvolumen immer grösser und daher müssen viele Arbeiten gleichzeitig gemacht werden. 59.1% stimmen der Aussage zu, dass dies eine belastende Arbeitsbedingung ist. (Braun & Müller, 2005, S. 133)

Schichtarbeit:

In das Thema Arbeitszeitgestaltungen fallen die Aspekte wie Arbeitszeiten, Dienstplangestaltung, Erholungsphasen, Flexibilität und Vorhersehbarkeit. Die Arbeitszeit in der Nacht sowie die Schichtarbeit im Allgemeinen hat für die Gesundheit und das soziale Leben schädliche Auswirkungen. Nur 10% von allen schichtarbeitenden Personen halten die unregelmässigen Arbeitszeiten über einen längeren Zeitraum aus. Die Auswirkungen dieser Arbeitszeiten zeigen sich in Schlafstörungen, Verdauungsproblemen sowie psychischen Problemen. (Leibhold, 2011, S. 13)

Allgemein ist eine hohe Flexibilität im Pflegeberuf gefordert, sowohl während der Arbeit als auch für die unterschiedlichen Dienstzeiten. Überstunden, Mehrarbeit und Wochenendeinsätze sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Arbeitszeiten im Pflegeberuf müssen daher als wenig sozial verträglich eingestuft werden. Regelmäßige außerberufliche Aktivitäten  sind selten möglich. (BAUA, 2005)

Emotionsarbeit:

Durch die permanente Konfrontation mit Sterbesituationen entsteht eine weitere Belastung. Der Umgang mit krankheits- oder persönlichkeitsbedingten schwierigen Patienten sowie die soziale Belastung in der Kooperation mit Ärzten gehört zu den typischen Belastungen von stationären Krankenpflegenden. Ebenso zählt hierzu das Desinteresse, aggressive Verhalten sowie die Ungeduld von Angehörigen. (Leuenberg, 2012, S.8)

Organisatorische Probleme:

Unterbrechungen während der Arbeit durch andere Personen oder fehlendem Material ist ein mögliches Regulationshindernis im Spital. Oft müssen Umwege gegangen werden, was Zeit kostet, die eigentlich nicht zur Verfügung steht. (Leibhold, 2011, S.15)

Kontextualisierung des Begriffs Stress

Anhand eines Beschriebs eines erlebten Pflegealltags wird der Begriff Stress kontextualisiert, womit die Theorie auch bestätigt werden kann:

Nach dem ich gestern das Spital um 23:00 Uhr verlassen konnte, möchte ich so schnell wie möglich mein Bett aufsuchen denn morgen habe ich die Frühschicht. Da muss ich um 7:00 Uhr wieder auf der Matte stehen, was wenig Schlaf für mich selbst bedeutet.

Der Tag startet ruhig, ich lese mich in die Unterlagen meiner 8 Patienten ein. Zwischendurch gibt es eine Unterbrechung durch den Rapport der Nachtwache. Die Medikamente werden anschliessend überprüft, dies geschieht ebenfalls nicht ohne Unterbrechung. Mein Patient klingelt bereits. Nach der Begleitung aufs WC fahre ich fort mit der Kontrolle. Endlich kann ich meine morgendliche Runde starten. Bis ich allen 8 Patienten die Medikamente abgegeben habe, Blutdruck sowie ein Gewicht gemessen habe ist es bereits 8:30 Uhr. Eigentlich wäre jetzt Zeit für die Pause, doch der Assistenzarzt taucht unerwartet auf und möchte Visite machen. Also verschiebe ich die Pause auf später. Um 9:00 Uhr liegt ein kurzer Kaffee in meinem Zeitplan drin. Aber bereits 10 Minuten später stehe ich wieder in einem Patientenzimmer und beginne mit der ersten Körperpflege bei einem meiner 8 Patienten. Zwischendurch gibt es immer wieder Unterbrechungen; ein anderer  Patient klingelt, ein Telefonanruf um interdisziplinäre Sachen zu besprechen oder weil es Notfall klingelt - welcher meist ein Fehlalarm ist. So geht dies den ganzen Morgen lang. Nach den 36 Minuten Mittag wird dokumentiert, Verbände gewechselt oder Infusionen angehängt. Um 15:00 Uhr wird die Übergabe an den Spätdienst gemacht. Die Stationsleitung informiert uns, dass die Kollegin vom morgigen Frühdienst krankheitsbedingt ausfällt. Sie bittet mich einzuspringen. Da das Team auf mich angewiesen ist, willige ich ein. Das wäre dann mein 6. Arbeitstag in Folge, mit nur einem freien Tag im Anschluss. Nach Arbeitsschluss teile ich meinen Freunden mit, dass ich morgen nicht mit ihnen Mittagessen kann, da ich arbeiten muss. Das Kino für den Abend sage ich ebenfalls ab, da ich einfach ein paar Stunden Schlaf brauche um am nächsten Tag wieder einigermaßen erholt mit der Arbeit beginnen zu können. 

Schluss: Berufliche Interventionsmöglichkeiten  [Bearbeiten]

Studien haben bewiesen, dass Personen in Pflegeberufen häufig unter Stress oder deren Symptomen leiden. 

Um die Stresssensoren wie Zeitdruck, Schichtarbeit, Emotionsarbeit und Organisation etwas zu dämpfen, gibt es folgende Vorschläge:

 Um den Zeitdruck und die Arbeitsabläufe zu optimieren, wäre das Abdelegieren von Aufgaben eine gute Lösung. Somit könnten Praktikanten oder Auszubildende eine gute Hilfe sein und dabei lernen wie man Selbständig arbeitet. Dabei darf aber eine gute Einführung in diverse Arbeitsabläufe nicht vergessen gehen.

Ebenso wäre es hilfreich, wenn man eine bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit anstrebt. Dabei sollte sich beispielsweise der Arzt mit den Pflegenden in Verbindung setzen und absprechen um welche Zeit es passend wäre für eine Visite. 

Die Schichtarbeit ist unvermeidbar in einem Pflegeberuf. Trotzdem könnte man die Mitarbeiter bei der Arbeitsplanung miteinbeziehen und zusammen ein Arbeitszeitmodell entwickeln das den Bedürfnissen der Mitarbeiter entspricht.

Die Emotionsarbeit ist ebenfalls unvermeidbar. Jedoch sollte man Platz schaffen um über belastende Situationen sprechen zu können. Dies dient auch dazu, Erlebtes zu reflektieren, daraus zu lernen und die Situation nicht mit „nach Hause“ zu nehmen.  Bei den Organisationsproblemen sollte vielleicht ein Back-Office eingerichtet werden. Diese Person übernimmt alle Koordinationsaufgaben und nimmt die Telefone ab. Sie erledigt kleine Botengänge. Ebenso sollten ruhige Arbeitsplätze geschaffen werden, damit man ungestört seine Dokumentation führen oder die Medikamente kontrollieren kann. In dieser Zeit könnte das Back-Office bei den klingelnden Patienten vorbeigehen. (Leuthold, 2011, S. 86-88)

 

Literaturverzeichnis

Braun, B. & Müller, R. (2005). Arbeitsbelastung und Berufsausstieg bei Krankenschwestern. Pflege und Gesellschaft, 10 (3), 131-133

Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin [BAUA]. (2005). Probleme und Lösungen in der Pflege aus Sicht der Arbeits- und Gesundheitswissenschaften. Dortmund, Berlin, Dresden: Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Lazarus, R. & Folkman, S. (1984). Stress, Appraisal, and Coping. New York: Springer Publishing Company, Inc.

Leibhold, A. (2011). Masterarbeit: Arbeit in der Pflege bis ins Pensionsalter. Luzern.

Leuenberger, B. (2012). Menschen in Pflege- und Betreuungsberufen sind stark Burnout gefährdet. Verbraucht und ausgelaugt, (5), 8-10.

Pfeiffer, S. (2012). Stress und Burnout verstehen und Bewältigen. [Elektronische Version]. Psychiatrie & Seelsorge Seminarheft,12, 26.

Wippert, P. & Beckmann, J. (2009). Stress- und Schmerzursachen verstehen. Stuttgart: Thieme.