Work-Life-Balance

Der Arbeitskraftunternehmer

Olivia Miesch

Abstract [Bearbeiten]

Der Arbeitskraftunternehmer ist ein Begriff, der von Voss und Pangratz 1998 zum ersten Mal in einem Buch zum Thema Entgrenzung auftaucht. Die Arbeitskräfte müssen sich einem Wandel der Erwerbslandschaft anpassen. Von ihnen wird immer mehr gefordert. Arbeitnehmer müssen Aufgaben übernehmen, die früher ein Unternehmer gemeistert hat. Mit dem Fallbeispiel von Herr Keller wird in dieser Arbeit aufgezeigt, welche Herausforderungen ein Arbeitskraftunternehmer zu meistern hat. Ausserdem wird an dem Beispiel eine Möglichkeit für eine sozialpolitische Intervention aufgezeigt, welche in erster Linie auf das Zeitmanagement eines Arbeitskraftunternehmers zielt.  

Einleitung [Bearbeiten]

Während des Wahlpflichtmoduls „Das entgrenzte Leben – zwischen Burnout und Timeout“ fiel immer wieder der Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“. Vor diesem Modul war mir dieser Begriff fremd und ich wusste nicht, was er bedeute. In der folgenden Arbeit möchte ich mich damit beschäftigen, woher dieser Begriff kommt, und wie er entstanden ist. Im ersten Kapitel befasse ich mich also mit dem Gegenstand und der Definition von Arbeitskraftunternehmer. In dem darauffolgenden Kapiteln beschäftige ich mich mit der Herkunft des Begriffs. An einem Fallbeispiel versuche ich aufzuzeigen, mit was der Arbeitskraftunternehmer in der Praxis zu kämpfen hat,  sowie den sozialpolitischen Interventionsmöglichkeiten, welche ich ebenfalls mithilfe des Fallbeispiels aufzuzeigen versuche. Die Informationen darüber stammen aus den Büchern Leistung und Erschöpfung, aus dem Kapitel, welches von G. Voss und C. Weiss verfasst wurde, sowie dem Buch Arbeit in der Gesellschaft von H. Minssen. 

Hauptteil [Bearbeiten]

Gegenstand und Definition von Arbeitskraftunternehmer

Der Charakter von Arbeitskraft verändert sich ebenso, wie die Arbeitswelt. Der neue Typus „Arbeitskraftunternehmer“ muss einerseits Arbeitskraft sein und andererseits neue Herausforderungen annehmen, welche „unternehmerähnliche Eigenschaften“ fordern (Voss und Weiss, 2013, S.34). Die Beschäftigten übernehmen immer mehr Aufgaben und müssen sich so stets auch immer wieder neu behaupten und allenfalls Kritik einstecken. „Der Arbeitnehmer wird zum Auftragnehmer einer zu erbringenden Leistung“ (Minssen, 2012, S.109). Es wird von ihm verlangt, selbst zu organisieren, wie er diese Leistung erbringt. Trotzdem sind Arbeitskraftunternehmer nicht vor Kontrollen eines Vorgesetzten losgelöst, wobei diese nur noch das Ergebnis kontrollieren. (vgl. Minssen, 2012) 

Der Arbeitskraftunternehmer ist also nicht völlig selbständig, übernimmt aber Aufgaben, die beispielsweise nicht in seinem Tätigkeitsbereich liegen. Diesem Typus werden folgende Merkmale zugewiesen: Selbst-Kontrolle, Selbst-Ökonomisierung und Selbst-Rationalisierung. 

Von einem Arbeitskraftunternehmer wird Selbst-Kontrolle gefordert, was Dinge wie eine selbständige Planung beinhaltet. Auch Selbst-Ökonomisierung, also die Fähigkeit, sich vermarkten zu können, gilt als eines der drei Hauptcharakteristika von einem Arbeitskraftunternehmer. Ein durchgestaltetes Leben und eine ständige Erreichbarkeit auch ausserhalb der Arbeit (Selbst-Rationalisierung), wurde erst durch neue Technologien wie Laptop und Handy ermöglicht (vgl. Minssen, 2012).  

Der neue Typus ist somit Belastungen ausgesetzt, die auch Erkrankungen mit sich führen können. Körperlich ist der Arbeitskraftunternehmer nicht gefährdet, es kann aber durchaus zu einer seelischen Überlastung kommen. 

Entstehung und Geschichte des Arbeitskraftunternehmers 

Der Begriff „Arbeitskraftunternehmer“ wurde von Voss und Pongratz 1998 zum ersten Mal diskutiert. „Bei diesem Konzept handelt es sich um eine arbeitssoziologische Zeitdiagnose, die grundlegende Veränderungen“  (Voss und Weiss, 2013, S 33) an der Arbeitskraft, die von Marx beschrieben wurde, vorsieht.

Die Entgrenzung der Arbeit fordert viele Veränderungen in der Erwerbslandschaft. Dadurch, dass die Arbeit seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts (vgl. Voss und Weiss, 2013) einen Wandel hinter sich hat, müssen sich die Arbeitskräfte anpassen.  Dass die Arbeit lebendig wurde, störte nicht mehr. Aus der Sicht der Kapitalverwertung stieg das Ansehen von Arbeit (vgl. Minssen, 2012). Durch die Veränderungen wird der verberuflichte Arbeitnehmer nach und nach zum Arbeitskraftunternehmer. 

„Ein oft diskutiertes Beispiel zu Entgrenzung, ist die Trennung von Arbeit und Leben“ (Voss und Weiss, 2013, S. 31). Die Erwerbstätigen, in diesem Falle die Arbeitskraftunternehmer, können nicht mehr unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit, da sie zum Beispiel ihre Mails zu jeder Uhrzeit überprüfen können. Es ergeben sich auf der einen Seite neue Chancen. Auf der anderen Seite können viele Menschen durch die neue Situation überfordert sein. Solche Strukturveränderungen der Erwerbslandschaft, erfordern, dass die Arbeitskräfte eine immer bessere Verfassung mitbringen und den neuen Aufgaben gewachsen sind. 

Kontextualisierung von Arbeitskraftunternehmer an einem Fallbeispiel 

Herr Keller ist 40 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Haus, nahe der Stadt Bern. In seiner Jugend war Herr Keller ein guter Schüler und beschloss nach der Sekundarschule, die Lehre als Kaufmann anzutreten. Auch diese absolvierte er ohne Probleme. Er arbeitete danach weiter in verschiedenen Banken als Kaufmann. Früher war es für ihn normal, dass er um 17.00 Uhr nach Hause kam und seiner Freizeitgestaltung nachgehen konnte. Herr Keller spielt nämlich für sein Leben gerne Fussball. 

Doch plötzlich hat sich einiges verändert. Herr Keller kann zwar selbst entscheiden, wann er zur Arbeit fahren möchte und wann er nach Hause geht. Doch wenn er zu Hause ist, fällt ihm ein, was er noch zu tun hätte. Einerseits möchte er mit seinen Kindern Fussball spielen, doch es lässt ihm keine Ruhe, dass er eine Mail bekommen hat, welche er noch nicht beantworten konnte. Ausserdem muss er noch diese eine Arbeit zu Ende schreiben, die ihm sein Vorgesetzter vor dem nach Hause gehen noch aufgebrummt hat. Sein Vorgesetzter möchte diese morgen Nachmittag fertig auf dem Schreibtisch haben, um sie kontrollieren zu können. Einige Dinge lernen sollte er auch noch, da er eine Weiterbildung macht, in der Hoffnung eine bessere Stelle zu finden.

Herr Keller wurde von einer Arbeitskraft zu einem Arbeitskraftunternehmer. Das Fallbeispiel ist zwar sehr extrem, es soll aber aufzeigen, dass sich die Arbeitswelt verändert hat. Durch die ständige Erreichbarkeit (Mails beantworten, Handy, etc.), kommt Herr Keller nicht zur Ruhe und steht im Konflikt zwischen Freizeit und Arbeit (Selbst-Rationalisierung). Er möchte seinen Chef beeindrucken, indem er die aufgebrummte Arbeit noch zu Ende schreibt (Selbst-Ökonomisierung). Er muss selber planen, wann er sie fertig hat, wird aber trotzdem vom Chef kontrolliert, ob er die Arbeit gemacht hat (Selbst-Kontrolle). Auch die Weiterbildung ist für ihn unumgänglich, da er so mehr Fähigkeiten erwirbt und auch bei anderen Banken noch  gefragt ist (Selbst-Ökonomisierung).  

Trotzdem bekommt Herr Keller aber auch die Chance, selbständig zu entscheiden, ob er morgens um 7.00 Uhr oder um 9.00 Uhr beginnen möchte. Durch die Weiterbildung wird ihm ausserdem ermöglicht, mehr Geld zu verdienen und allenfalls eine bessere Position in der Bank zu erlangen.

 Sozialpolitische Interventionsmöglichkeiten

Herr Keller scheint Mühe damit zu haben, Prioritäten zu setzen. Einerseits möchte er seine Arbeit so gut wie möglich leisten, andererseits möchte er aber auch Zeit mit seiner Familie verbringen. Um zu einer guten Koordination zwischen Freizeit und Arbeit zu gelangen, kann Herr Keller eine Beratungsstelle besuchen, welche auf Zeitmanagement spezialisiert ist. Er würde lernen, seine Zeit besser einzuplanen. Es würde ihm vielleicht einfacher fallen, unbeschwert mit seinen Kinder zu spielen, wenn er sich vorher eine halbe Stunde Zeit für seine E-Mails nehmen würde und im Anschluss konsequent den Laptop und das Smartphone ausschaltet. 

Herr Keller muss gelassener werden und bewusst sowie konsequent Prioritäten setzen. Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, ohne etwas davon zu vernachlässigen, scheint unmöglich. Durch eine gute Planung, kann das Leben von Herrn Keller eine Struktur erlangen, die ihm hilft, jede Minute auszukosten und die Zeit nicht damit zu vergeuden, sich zu überlegen, was noch zu tun ist und womit er beginnen könnte. 

Durch eine Beratung, mit Schwerpunkt Zeitmanagement, könnte Herr Keller zu einem Arbeitskraftunternehmer werden, der seine Zeit strukturiert und seine Freizeit geniessen kann.

Schlussbemerkung [Bearbeiten]

Ich konnte für mich den Begriff des Arbeitskraftunternehmers klären. Auf der einen Seite gibt es heute viele neue Chancen, was Ausbildung und Arbeit betrifft. Auf der anderen Seite, werden immer höhere Anforderungen an Arbeitskräfte gestellt, was für die Menschen sehr anstrengend sein kann. 

Der Arbeitskraftunternehmer scheint ein Phänomen zu sein, welches in der heutigen Zeit sehr präsent ist. Die Arbeit bekommt in unserer Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert und jeder versucht, der Beste oder die Beste in seinem Tätigkeitsbereich zu sein. Doch bei vielen Menschen kann dies Stress auslösen. Mit dem Arbeitskraftunternehmer sind viele neue Krankheiten aufgekommen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Burnout Erkrankung. Eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit wird durch die Entwicklungen der Erwerbslandschaft immer wichtiger. Es ist nicht einfach, ein Arbeitskraftunternehmer zu sein. In der Gegenwart ist es aber fast unumgänglich, die Aufgaben eines Arbeiters und eines Unternehmers zu bewältigen. Somit ist der Arbeitskraftunternehmer der Typus, der die Arbeitswelt zu dem macht, was sie momentan ist.   

 

Literaturverzeichnis

Minssen, Heiner. (2012). Arbeit in der modernen Gesellschaft – Eine Einführung. Wiesbaden: VS Springer. 

Voss, G. Günter & Weiss, Cornelia. (2013). Burnout und Depression – Leiterkrankungen des subjektivierten Kapitalismus oder: woran leidet der

Arbeitskraftunternehmer. In Sighard Neckel & Greta Wagner (Hrsg.), Leistung und

Erschöpfung – Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp